Hören, Sehen und Widersprechen

Immer mehr Menschen wünschen sich eine andere, faire Nahrungsmittelherstellung
Von Haidy Damm

Landwirte, Imker, Verbraucher, Tierschützer und Umweltaktivisten demonstrierten am Wochenende in Berlin für eine Agrarwende und gegen Massentierhaltung, Gentechnik, Pestizide und Spekulation.

Agrarindustrie, Massentierhaltung, Gentechnik: »Wir haben es satt!«<br />
Foto: Theo Schneider
Agrarindustrie, Massentierhaltung, Gentechnik: »Wir haben es satt!«
Foto: Theo Schneider

Es ist noch früh am Samstagmorgen, die wenigen Wolken am Himmel lassen auf einen sonnigen Tag hoffen, als am Berliner Ostbahnhof die Traktoren starten. Ihr erstes Ziel: Die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft GmbH (BVVG). Vor dem Gebäude an der Schönhauser Allee haben sich drei Demonstranten aufgebaut, auf ihrem Transparent kritisieren sie die Preispolitik der BVVG als »Bodenverscherbelung«. Später auf der Rednerbühne am Potsdamer Platz wird eine junge Bäuerin aus Brandenburg erzählen, wie schwierig es angesichts der steigenden Bodenpreise für die kleinbäuerliche Landwirtschaft ist, überhaupt Pachtland zu erhalten. Doch im Moment müssen die Traktoren weiter, sie haben erst die Hälfte ihrer Route durch Berlins Mitte geschafft.

Als die rund 60 Trecker um kurz nach zehn Uhr am Potsdamer Platz ankommen, füllt sich der Kundgebungsplatz langsam. Aktivisten steigen in Kostüme, verwandeln sich in Hühner, Bienen, Kühe oder Schweine. Erst wenige Demonstranten sind eingetroffen. Christian Bayer ist dennoch guter Dinge als er vom Traktor steigt. »Unsere Demonstration für die Agrarwende ist ein wichtiges Zeichen«, sagt der Angestellte auf einem Ökolandbaubetrieb in der Nähe von Pforzheim. »Das Thema Landwirtschaft ist in der Gesellschaft angekommen.«

Er soll Recht behalten, rund 30 000 Teilnehmer zählen die Veranstalter am Nachmittag, erneut mehr als in den Vorjahren. Während sich Landwirtschaftsminister aus 70 Ländern auf der Internationalen Grünen Woche zum Agrargipfel treffen, um über die Zukunft der Landwirtschaft zu debattieren, wird hier der Protest laut und kreativ auf die Straße getragen.

Im Fokus stehen die politischen Entscheidungen in Berlin und Brüssel. Auf Transparenten und selbstgemalten Schildern fordern die Demonstranten von Bundeskanzlerin Merkel und ihrem Vizekanzler Gabriel einen Kurswechsel in der Agrarpolitik. Statt weiterhin »Klientelpolitik für die Agrarindustrie« zu betreiben, solle sich die Bundesregierung für eine soziale, tiergerechte und ökologische Agrarwende einsetzen. »Wer Megaställe genehmigt und subventioniert, wer auf Export und Freihandel setzt und dann auch noch darüber nachdenkt, Gentech-Pflanzen auf Europas Äckern zuzulassen, der lässt die Bäuerinnen und Bauern im Stich und handelt gegen die Interessen von Verbrauchern, Tieren und Umwelt«, ruft Jochen Fritz vom »Wir haben es satt!«-Bündnis von der Rednerbühne Richtung Kanzleramt.

Gegen Gentechnik und Freihandelsabkommen – in der kommenden Woche wird in Brüssel über die Zulassung des Genmais 1507 des US-Saatgutherstellers Pioneer entschieden. Der neue Bundesagrarminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte zur Eröffnung der Grünen Woche, die Bundesregierung habe in dieser Frage noch keine abschließende Meinung. Hier vor dem Kanzleramt fordern die Demonstranten auf ihren Transparenten ein klares »Nein«. Für Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) hängt »die Zukunft aller Landwirte in Deutschland davon ab, ob sie weiterhin gentechnikfrei produzieren können«. Sprechchöre fordern »Hans-Peter, verschieb es nicht auf später«. Der Angesprochene sitzt an diesem Tag wenige Kilometer entfernt mit seinen Amtskollegen am Berliner Funkturm. Es sei gut, dass die Demonstranten ihre Meinung sagten, erklärt Friedrich, »weil es zeigt, dass viele Menschen sich Gedanken machen um die Welternährung«. Über den Weg dorthin gebe es aber verschiedene Ansichten.

Der Schauspieler Benno Führmann ist in diesem Jahr erstmals bei der Demonstration dabei. Er denke immer bewusster darüber nach, was bei ihm auf den Teller kommt, erzählt der 42-Jährige. Neben Gentechnik, die er ebenso ablehnt wie Nahrungsmittelspekulationen, treibt den Berliner vor allem einer der agrarpolitischen Wege der Bundesregierung um: das momentan hinter verschlossenen Türen verabredete Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU. »Chlorhähnchen, Gentechnik, Wachstums- hormone … Also, ich habe echt keinen Bock, das zu essen.«

2014 sei für das Freihandelsabkommen ein entscheidendes Jahr, sagt Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). »Es kommt darauf an, das Abkommen zu stoppen. Stattdessen brauchen wir eine Landwirtschaft, in der bäuerliche Betriebe gefördert werden statt Massentierhaltung und Export. Statt Freihandel brauchen wir fairen Handel.«

Doch es sind nicht nur die europäischen Standards, die den Menschen Sorgen bereiten. Karen Hansen-Kuhn aus den Vereinigten Staaten berichtet vom dortigen Protest gegen TTIP. Besonders auf lokaler Ebene sei in einigen Bundesstaaten eine Bewegung entstanden für eine andere Landwirtschaft. Diese Entwicklung stehe nun auf dem Spiel. Die Direktorin für internationale Strategien am Institut für Landwirtschaft und Handelspolitik in Washington hat viele Erfahrungen mit anderen Freihandelsabkommen gemacht. »Das NAFTA-Abkommen zwischen den USA und Mexiko hatte zur Folge, dass rund zwei Millionen Kleinbauern ihre Höfe aufgeben mussten. Mittlerweile kontrollieren vier Konzerne rund 80 Prozent der Fleischproduktion«, erklärt sie. Für sie ist der Protest vorm Kanzleramt inspirierend, »es wäre schön, wenn uns das auch gelänge«.

Beeindruckend findet auch Million Belay von der Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika (AFSA) die Proteste. Er habe bisher nicht wahrgenommen, dass es in Europa tatsächlich eine Opposition gegen die Agrarpolitik gibt, deren Exportorientierung großen Schaden in den afrikanischen Staaten anrichtet. Milchpulver, Hühnchenreste und Schweinefleisch, die in Massen von Deutschland und der EU exportiert werden, sind so billig, dass Bauern in Afrika damit nicht konkurrieren können. All dieses Menschen vor dem Kanzleramt zu sehen, fühle sich an wie »Solidarität mit unseren Kleinbauern«, sagt der Äthiopier nach seiner Rede.

Auch der Pforzheimer Christian Bayer ist am späten Nachmittag zufrieden. Auf dem Weg zurück zu den Traktoren reckt er den Daumen in die Höhe und strahlt: »Super, oder?« Es war ein guter Tag für die bäuerliche Landwirtschaft. Und während vor dem Kanzleramt die letzten Töne der Band Ratatöska erklingen und ein Großteil der Demonstranten sich bereits auf dem Weg nach Hause gemacht hat, sitzt ein Aktivist der Aktionsgruppe »Grüne Woche demaskieren« noch in Polizeigewahrsam. Er hatte am Morgen mit anderen Kletterern hoch auf dem Berliner Funkturm ein Transparent angebracht: »Bloß nicht genau hinsehen«. Darunter war das Symbol der drei Affen zu sehen, die nicht hören, nicht sehen und nicht sprechen. Am Abend ist er wieder frei, die Gruppe hat für die kommende Woche weitere direkte Aktionen ankündigt.

Quelle: Neues Deutschland (http://www.neues-deutschland.de/artikel/921274.hoeren-sehen-und-widersprechen.html)

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