Wider das Unisono

Seit 20 Jahren erscheint jW wieder an jedem Werktag. Manchen wird die dauerhafte Existenz dieser Zeitung ein Rätsel bleiben

Foto: Theo Schneider
Foto: Theo Schneider

Am 6. April vor 20 Jahren wurde die junge Welt von ihrem damaligen Besitzer eingestellt. Am 13. April 1995 erschien sie wieder und seitdem an jedem Werktag. Woher der lange Atem? Zeitgenossen, denen bereits die Existenz dieser Zeitung ein Rätsel ist, vermuteten Finanzquellen in Havanna, Peking oder Moskau. Saddam Hussein, Slobodan Milosevic oder Wladimir Putin, also Schurkenstaatenchefs, die der bundesdeutsche Durchschnittsmedienkonsument kennt, sollen jW-Sponsoren gewesen sein.

Dabei sind die Ursachen fürs Bestehen und Wachsen mit einer Genossenschaft und eigenem Verlag im Rücken einfach und sichtbar: Sie liegen im Engagement von Leserinnen, Lesern und jW-Herstellern. Anders gesagt: Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, denen das Angebot der meisten Medien eine Zumutung ist. Sie verlangen andere und Gegeninformationen zu den Unisono-Darbietungen, ihnen ist die Welteinteilung in Gut und Böse Propaganda. Der Schriftsteller Ronald M. Schernikau formulierte 1990: »Der Westen hat, und das ist ein so alter Trick, die Moral eingeführt, um über Politik nicht reden zu müssen.« Wer moralisiert – über Erich Honecker, die DDR, Baschar Al-Assad oder Putin – will nicht über Inhalte oder gar Interessen reden. Das ist heute Standard, und es nervt. Wer das Knacken im Gebälk des Kapitalismus lange vor der großen Krise ab 2007 für eine nach der Stabilität dieser Ordnung hielt, erfährt im Mainstream wenig dazu. Wer etwas gegen imperialistische Kriege hat, gegen Neonazis und deren fürsorgliche Betreuung durch deutsche Ämter ist, gegen Totalüberwachung, Folter und weitere Formen von Staatsterrorismus, findet wenig publizistische Stützen. Wir möchten eine sein.

In der jW-Ausgabe vom 13. April 1995 hieß es zur Begründung des Neustarts: »50 Jahre nach der totalen Kapitulation des ›Dritten Reiches‹ will dessen Rechtsnachfolger den Einsatzbereich der NATO bis vor die Tore Moskaus ausdehnen, (…) bereitet dessen Polizei die Abschiebung von 40.000 Vietnamesinnen und Vietnamesen vor, werden ausgerechnet bei den Feiern zur Befreiung des KZ Buchenwald der kommunistische Widerstand und die Folterer der Gestapo gleichgestellt.« Heute haben NATO und EU ihren Krieg wenige hundert Kilometer bis vor Moskau getragen, führen Feldzüge weit außerhalb Europas, sind Zehntausende Flüchtlinge an den Grenzen der Friedensnobelpreisträgerin EU umgekommen und die von der US-Armee dokumentierte Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald wird auf allen Kanälen als »kommunistische Legende« verfälscht.

In ihren Medien reden sie sich ein, sie hätten gesiegt. Tatsächlich schreiben und senden sie in entscheidenden Fragen gegen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung. Das ermutigt uns heute wie 1995, diese Zeitung herzustellen.

Verlag und Redaktion

Quelle: Junge Welt (https://www.jungewelt.de/2015/04-11/082.php

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